Intro

Machines Like Us 

 

 

 

„Ich glaube, jeder sollte eine Maschine sein“, sagte Andy Warhol 1963. Der Titel eines Romans von Ian McEwan aus dem Jahr 2019 schließt an Warhols frivolen Wunsch doppeldeutig an: Machines like meMaschinen sind wie wir – und sie mögen uns. Ist die Zuneigung auch eine Drohung? Und von welchen Maschinen sprechen wir eigentlich? Von Robotern, die uns im Krieg vergiften oder im Alter pflegen? Von spracherkennungsbasierten digitalen Diener*innen mit Lauschfunktion oder von ganzen sozialen Steuerungssystemen, die ein „Wir“ und ein „Ihr“ herstellen? Von der Aufrüstung der Biotechnologie, von Bots, oder von Cyborgs?

Der Gegensatz Mensch - Maschine erscheint vor diesem Hintergrund immer fraglicher. Menschen nutzen Maschinen, die auf Menschen einwirken und diese verändern. Transhumanistisch gesinnte Menschen rüsten ihre Körper auf, während unser Daten-Ich immer mehr „Fleisch“ bekommt und Forschungszweige wie Affective Computing an der Simulierung der Affekte arbeiten. Zugleich offenbart sich im Beisein der Maschinen ein Abgrund, der die Kategorie des Unheimlichen aktualisiert. Googles DeepDream-Software lässt Bilder auf eine Weise mutieren, als ob man am Schirm psychedelischen Animationen von Wesen unbekannter Herkunft begegnete.

Unheimlich erscheint auch die ökonomische Macht der Big Player im datenausbeutenden Überwachungskapitalismus des 21. Jahrhunderts. Wer mehr Daten prozessieren kann als die Konkurrenz, ist dabei im Vorteil – als Staat, als Geheimdienst, als Unternehmen, als Politikstrateg*in. Die diskriminierenden Voraussetzungen der Programmierung bleiben in der Blackbox-Society meist undurchschaut, während der kontrollgesellschaftliche Output (man denke etwa an das chinesische Sozialkreditsystem) immer gewichtiger wird. Algorithmen können Wahnvorstellungen und Trugbilder bestärken – oder auch Verbündete in Rebellionen und Protestbewegungen sein.

Oder in der Kunst.

Zum Beispiel in digitalen Bildfindungen, die das Uneindeutige, Morphende zum Stilprinzip machen. Oder in musikalischen KI-Anwendungen wie auf Holly Herndons letztem Album Proto. Herndon nennt die Verschwesterung von Chor und KI statt independent music interdependent music.

Die Interdependenz verweist auf die Verstricktheit von Mensch und Maschine. Wir sind schon längst andere geworden, seitdem wir erfahren haben, wie Maschinen klingen, Bilder machen oder uns zum Beispiel dazu bringen, über Roboterethik oder sogenannte Todesalgorithmen in selbstfahrenden Autos nachzudenken. Und wir werden wieder andere, wenn wir uns damit beschäftigen, was Maschinen vermögen, wenn sie uns – wie etwa in den jenseits von Dystopie und Utopie angesiedel- ten computeranimierten Filmen Geomancer (2017) oder AIDOL爱道 (2019) von Lawrence Lek – eine Welt ohne Menschen, aber voller Empfindungen anbieten.

Thomas Edlinger
Künstlerischer Leiter

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